Wir befinden uns am Anfang eines neuen Jahres, und so einen Jahresanfang nutzen viele Menschen für einen Neubeginn. Sie nehmen sich etwas Besonderes für das neue Jahr vor oder fassen bestimmte Vorsätze, um ihrem Leben eine Veränderung zu geben. So mancher freut sich auf das neue Jahr, weil ein außergewöhnliches Ereignis bevorsteht. Die Geburt eines Kindes, eine große Feier oder ein Wiedersehen mit lieben Menschen. Viele freuen sich auf den geplanten Urlaub oder eine berufliche Veränderung.
Neben der Vielzahl von hoffnungsvollen Erwartungen wird der eine oder die andere sicher auch sorgenvoll in die Zukunft schauen und sich die Frage stellen, was das neue Jahr wohl bringen wird. Die Angst und Sorge vor Krankheit oder Arbeitslosigkeit, vor dem Scheitern einer Beziehung oder den Auswirkungen des Klimawandels. Vor sozialer Ungleichheit oder vor dem Ergebnis der anstehenden Bundestagswahl mit den daraus folgenden Konsequenzen. Auch die Angst vor Extremismus, Terrorismus und Krieg treibt viele Menschen um.
Bei all diesen Ängsten und Sorgen begegnet uns an diesem Sonntag die Erzählung von der Hochzeit zu Kana in Galiläa, zu der auch Jesus, seine Mutter und seine Jünger eingeladen sind. So eine Hochzeit ist eigentlich etwas Schönes, ein Fest der Liebe, der Freude und der Fröhlichkeit. Aber bei dieser Hochzeit ergibt sich eine Notsituation, die zu einer Sorge und einem großen Problem werden kann. Es deutet sich an, dass der Wein zur Neige geht. Eine Vollkatastrophe. Denn Wein ist in der damaligen Gesellschaft ein Zeichen von Reichtum und Überfluss. Er gehört zu einer perfekten Feier dazu.
Der Wein steht in der Bibel für ein von Gott gesegnetes Leben. Fehlt dieser Wein, dann fehlt dem Brautpaar der Segen für ihre gemeinsame Zukunft. Das weiß auch die Mutter Jesu, die die drohende Notsituation erkennt, die Initiative ergreift und sich mit den Worten »Sie haben keinen Wein mehr« an ihren Sohn wendet. Der reagiert zunächst, für unser Verständnis, merkwürdig schroff gegenüber seiner Mutter: »Was geht´s dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.«
Hier eröffnet der Evangelist Johannes einen Nebenschauplatz, um zu verdeutlichen, dass Mutter und Sohn aneinander vorbeireden. Die Mutter bittet ihren Sohn um die Beseitigung des tatsächlich existierenden Mangels an Wein, auch wenn sie offenlässt, wie er das eigentlich schaffen soll. Jesus aber meint nicht den irdischen Wein bei diesem Hochzeitsfest, sondern den Wein, der in der prophetischen Ankündigung beim himmlischen Gastmahl gereicht wird, das Gott am Ende der Zeiten verheißt. Diese Zeit der Wiederkunft meint Jesus mit seiner Aussage: »Meine Stunde ist noch nicht gekommen.« Das Missverständnis zwischen Mutter und Sohn ist zutiefst menschlich und kommt zwischen Eltern und Kindern auch heute immer wieder vor.
Kommen wir zurück zur Notlage bei der Hochzeitsfeier. Im zweiten Anlauf hat Jesus seine Mutter verstanden. Er weist die Diener an sechs steinerne Krüge, die ein Fassungsvermögen von je etwa einhundert Litern haben, mit Wasser zu füllen, dann daraus zu schöpfen und dem Speisemeister zu bringen. Dieser ist begeistert, weil ihm ein exzellenter Wein gebracht wird. Jesus stellt sechshundert Liter besten Wein zur Verfügung. Was für ein Überfluss. Wenn Jesus gibt, dann aber richtig. Die drohende Notsituation ist abgewendet.
Fast eine tragische Figur gibt in der ganzen Situation der Bräutigam ab. Er, dessen Aufgabe es gewesen wäre, für Wein zu sorgen, bekommt offenbar weder den Mangel noch die Behebung des Mangels mit. Ein Zustand, den wir auch immer mal wieder erleben können. Wir sehen in einer schwierigen Lage die naheliegende Lösung des Problems nicht oder nehmen die Lösung als solche gar nicht wahr. Dabei ergeben sich manche Lösungen, manchmal wie von selbst.
Wir leben in einer Zeit mit vielen Sorgen, Nöten und Ängsten. Die Gefahr eines Mangels ist realistisch. Zeichen und Wunder hingegen werden als unrealistisch abgetan. Mit ihnen zu rechnen ist naiv. Aber verantwortungslos ist es, nicht die Voraussetzungen zu schaffen, die Wunder überhaupt erst möglich machen. In Zeiten heraufziehender Krisen gibt es immer noch Möglichkeiten, dem Wunder einen Raum zu bereiten.
In Kana war die Voraussetzung für das Wunder das Befüllen der Steinkrüge mit Wasser. Jesus war damals bei den Menschen, um ihnen bei ihren Sorgen und Ängsten zu helfen und er tut es heute auch noch. Wir müssen ihm nur die Gelegenheit dazu geben. Wenn Jesus mir in meinem Leben helfen soll, dann muss ich meine Krüge der Sorgen und Nöte mit dem nötigen Wasser füllen. Das mache ich zum Beispiel, indem ich versuche, mich meinen Sorgen und Nöten entgegenzustellen. Oder indem ich lerne, anzunehmen, was ich nicht ändern kann.
Die Zukunft beginnt heute. Jeder neue Tag kann ein Tag sein, an dem alles anders werden kann. Denn das Leben selbst, auch wenn es einem in die Quere kommt, enthält mehr Möglichkeiten, als wir es heute sehen können. Gestalten wir also aktiv, was wir gestalten können und trauern nicht um das, was nicht oder nicht mehr möglich ist. Dann können wir neu mit der Zukunft rechnen.
Zugegeben, die Krüge der ganz großen Sorgen und Ängste können wir nicht allein mit Wasser füllen. Aber vielleicht gemeinsam. Den Anfang machte Jesus damals in Kana und seine Jünger glaubten an ihn. Warum tun wir es heute nicht ebenso? Warum halten wir es nicht wie Albert Einstein, der sagte: »Denken müssen wir sowieso. Warum dann nicht gleich positiv?«
Hans Ulrich Schmiegelt